Meine Erfahrungen mit der EU-Insolvenz in England

Jochens persönlicher Erfahrungsbericht zur UK-Privatinsolvenz und zur Entschuldung in 18 Monaten

Diese Seite ist Teil unserer Serie zur EU-Insolvenz in England und Irland

Hinweis zu Brexit: Bitte beachten Sie unsere Einlassungen zu möglichen Konsequenzen für die EU-Insolvenz in England im Zusammenhang mit Brexit, dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU. Das EU-Insolvenzverfahren in der Republik Irland ist nicht von Brexit betroffen.

Hinweis: Wir haben diesen Erfahrungsbericht von Jochen bereits im Jahre 2010 dokumentiert. Wichtige Details zur England-Insolvenz haben sich seitdem geändert. Dieser Tatsachenbericht ist aber weiter aktuell und relevant.

Nach einer Scheidung und einem desaströsen Immobilienprojekt war ich finanziell und kräftemäßig so gut wie am Ende. Ich stand trotz eines tollen Jobs praktisch vor dem Ruin. In dieser scheinbar aussichtslosen Situation gelang mir dank des englischen Insolvenzverfahrens in kurzer Zeit ein echter Neuanfang. Heute kann ich optimistisch und schuldenfrei in die Zukunft blicken. Hier ist meine Geschichte.

Als ich im mich Dezember 2007 dazu entschied, mich auf ein Privatinsolvenzverfahren in England einzulassen, stand mir das Wasser noch nicht bis zum Hals, aber es wurde langsam eng.

Leicht fiel mir die Entscheidung nicht. Ich dachte an die bevorstehende Job- und Wohnungssuche in England. An London - eine riesige, für mich neue Stadt. Würde ich das schaffen? Mit 47 fühlte ich mich eigentlich nicht alt. Aber ich zögerte lange. Heute weiss ich, dass ich besser früher mit den Vorbereitungen begonnen hätte, aber nun ist ja am Ende doch noch alles gutgegangen. Und das ist das Wichtigste.

Damals jedenfalls erschien eine Insolvenz als der einzig geordnete Weg, um aus dem ganzen Schlamassel rauszukommen. Es war klar, dass die Bank früher oder später ihre Forderungen unerbittlich durchsetzen würde. Ich wusste, dass ich maximal sechs Monate Zeit hatte bis es richtig ernst werden würde.

Als freiberuflicher IT-Berater im SAP Umfeld hatte ich ein gutes Einkommen von rund 150.000 Euro pro Jahr. Über die Jahre war es mir so möglich, größere Beträge zur Seite zu legen. Auch investierte ich immer wieder in Immobilien und andere vielversprechende Projekte.

Auf dieser Seite

Das Anfang vom Ende: Meine Frau verlässt mich

Ende 2005 dann der Hammer: Meine Frau teilte mir nach 18 Ehejahren mit, dass sie sich scheiden lassen wolle. Das traf mich wie ein Schlag. Obwohl mir bewusst war, dass meine ständigen, oft monatelangen beruflichen Aufenthalte im Ausland eine Belastung für unsere Beziehung darstellten - damit hatte ich nicht gerechnet. Kinder hatten wir keine. Immerhin, ein Problem weniger das es in dieser Situation zu bedenken galt.

Bei den folgenden Verhandlungen zur Vermögensverteilung einigten wir uns darauf, dass meine (Ex)-Frau den Großteil unserer Ersparnisse plus unsere drei Eigentumswohnungen erhalten würde. Dafür wurde ich von laufenden Unterhaltsverpflichtungen befreit. Ich war mit dem Deal zufrieden. Ich vertraute auf meine „Earning Power“ und war überzeugt, dass ich in der Lage sein würde, innerhalb von zehn Jahren ein neues Vermögen aufzubauen. Ende 2006 wurden wir geschieden.

Zur Seitenübersicht

Meine Schrottimmobilie in Ostdeutschland

Doch zu allem Überfluss kündigten sich weitere finanzielle Hiobsbotschaften an. In den Neunziger Jahren hatte ich in eine ostdeutsche Immobilie investiert. Ich kaufte damals ein völlig überteuertes Mehrfamilienhaus mit 28 Wohneinheiten. Den Begriff „Schrottimmobilie“ kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auf das Grundstück wurde eine Grundschuld von 850.000 Euro aufgenommen.

Schnell war klar, dass ich einen katastrophalen Fehler gemacht hatte. Nicht nur, dass ich weitere hundert tausende in die Sanierung steckte (und kein Ende in Sicht war). Es gab auch weit weniger Mieter und die erzielten Mieten waren viel niedriger als erwartet.

Das Haus stand immer zu zwei Dritteln leer. Und nachdem sich die verbleibenden Mieter über Feuchtigkeit beschwert hatten, stellte ein Gutachter auch noch fest, dass über kurz oder lang weitere umfangreiche Sanierungsarbeiten fällig würden. Diese würden mindestens nochmals 200.000 Euro kosten.

Da ich diesen Betrag nicht aufbringen wollte, musste ich im Mai 2007 notgedrungen allen Mietern kündigen. Das Haus war schlicht unbewohnbar.

Zur Seitenübersicht

Ich bin am Ende – was nun?

In der ganzen Zeit zahlte ich jeden Monat pünktlich an die Bank. Ich hatte nun aber einen Punkt erreicht, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Die ganze Sache kostete mich wahnsinnig viel Kraft. Ich arbeitete praktisch nur noch für Abzahlung einer leer stehenden Schrottimmobilie. Da ich als Freiberufler nur für die Zeit bezahlt wurde, in der ich arbeitete, konnte ich keinen Urlaub nehmen. Ich hatte Angst davor, krank zu werden. Natürlich belastete mich auch noch die Scheidung. Das Alleinsein fiel mir schwer.

Ich musste etwas unternehmen. So konnte es nicht weitergehen. Ich brauchte einen Neustart. Aber wie?

Erst mal das Naheliegende, erst mal mit der Bank reden. Mein Anwalt versuchte auch gleich zu verhandeln. Unser Verhandlungsziel war es, die Grundschuld zu reduzieren und die Laufzeit des Kredites zu verlängern. Die Bank musste doch anerkennen, dass es sich um eine Schrottimmobilie handelte. Mit ein bisschen Entgegenkommen müsste man sich doch einigen können. Ich konnte ja auch damit drohen, sie zu verklagen. Dies alles blieb jedoch ohne Erfolg. Wieso auch vergleichen, fragte die Bank. Ich bezahlte doch jeden Monat. Und bei meinem hohen Einkommen könne ich das doch locker stemmen.

Aber welche anderen realistischen Möglichkeiten boten sich mir, aus der ganzen Sache rauszukommen?
Eines war klar: Ein Privatinsolvenzverfahren in Deutschland musste ich auf jeden Fall vermeiden. Ich konnte mir nicht vorstellen, mich ohne Not sieben Jahre aufs Extremste einzuschränken und fast mein gesamtes Einkommen wegpfänden zu lassen. Es kam auch nicht in Frage, den Kopf in den Sand zu stecken und einfach nur abzuwarten. Ich wollte den Prozess steuern, im „Driving Seat“ sitzen.

Zur Seitenübersicht

Der entscheidende Tipp: Die Insolvenz in England

Und während ich mir den Kopf zerbrach und meine Optionen abwägte, rief mich mein Anwalt eines Abends an und riet mir, mich mit dem englischen Insolvenzverfahren zu beschäftigen. Dies dauert inklusive Wohlverhaltensphase nur 18 Monate und steht gemäß EU-Gesetzgebung auch deutschen Staatsbürgern offen, vorausgesetzt sie haben ihren wirtschaftlichen Interessenschwerpunkt (= Job) in England.

Dabei ging es nicht einmal darum, die Insolvenz in England wirklich durchzuziehen, sondern vielmehr diese nur als eine mögliche Option offen zu halten: wir hofften vor allem, durch die Androhung meiner Insolvenz bei der Bank eine stärkere Verhandlungsposition zu haben. Ich könnte darauf hinweisen, dass ich nach England verzogen war und aus der ganzen Sache aufgrund des englischen Insolvenzrechts ganz schnell raus sein würde. Dies würde die Möglichkeiten der Bank, mich zu terrorisieren und unter Druck zu setzen ganz erheblich reduzieren.

Was würde eine Privatinsolvenz in England konkret für mich bedeuten? Ich konnte ja nicht einfach nur ein Zimmer in London mieten und weitermachen wie bisher. Ich musste meinen Job, meinen gesamten Lebensmittelpunkt nach England verlegen.

In einer schlaflosen Nacht fasste ich meine Situation in ein paar Stichpunkten zusammen:

  • Mein Job war nicht ortsgebunden. Ich konnte leicht ein Projekt in London finden. Außerdem war ich selbst für meine deutschen Kunden viel im Ausland unterwegs und zeitweise nur am Wochenende in meiner Wohnung.
  • Frau und Kinder hatte ich keine in Deutschland. Von daher war ich unabhängig.
  • Mein Freundeskreis hätte sicherlich nichts dagegen, ab und zu mit Ryanair nach London zu fliegen und die lokalen Pubs zu erkunden.
  • Ich hatte kein Vermögen.
  • Meine Mietwohnung ließ sich schnell kündigen.

Die Sache machte plötzlich Sinn für mich und begann wie eine echte Alternative auszusehen.

Zur Seitenübersicht

Erste Gespräche mit der Steuerkanzlei St Matthew und ein konkreter Plan

Nachdem ich mich prinzipiell dafür entschieden hatte, die Privatinsolvenz in England näher in Betracht zu ziehen, ließ ich keine Zeit verstreichen und machte mich zügig an die Arbeit. Es gab viel zu klären und die Zeit drängte. Sollte sich am Ende doch herausstellen, dass die Insolvenz in England für mich unmöglich war? Ich wollte so schnell wie möglich Klarheit haben.


Ich begann im Internet nach Experten zu suchen, die mich im Detail beraten konnten und stieß auf die Steuerkanzlei St Matthew in London. Wir trafen uns auf eine Initialberatung in den Kanzleiräumen Nähe London Bridge, wo meine Situation analysiert wurde und wir folgenden 10-Punkte-Plan ausarbeiteten:

  • Ich suche mir ein Projekt als Freelancer in London.
  • Mein Vater wird über die Kanzlei St Matthew eine englische Limited gründen, die ihm gehört.
  • Diese Limited hält den Vertrag mit dem Kunden, bei dem ich das Projekt mache.
  • Ich melde mich in Deutschland ab und ziehe nach London.
  • Ich werde bei der Limited angestellt und beziehe ein kleines Gehalt von rund £1200 (Rund 1400 Euro) im Monat. Dies kann nicht gepfändet werden.
  • Der Bank gegenüber werde ich meinen Umzug nach England verschweigen und zunächst drei Monate den Kredit weiter bedienen, und zwar von den letzten Resten meiner deutschen Ersparnisse. Dann werde ich die monatlichen Zahlungen einstellen und der Bank mitteilen, dass ich zahlungsunfähig bin. 
  • Ich werde dann nochmals der Bank die Verhandlung anbieten und mit der Insolvenz in England drohen. 
  • Sollte die Bank mir keinen Vergleich anbieten, werde ich in England die eidesstattliche Versicherung abgeben und mich für bankrott erklären.
  • Nach 12 Monaten endet die Wohlverhaltensphase und ich bin schuldenfrei.
  • Mal sehen was dann kommt: Vielleicht ganz zurück nach Deutschland ziehen, vielleicht mit einem Bein in London bleiben.

Was bei mir vereinfachend hinzu kam war, dass ich kein Vermögen hatte, das mit in den Bankrott hineinfließen würde. Den größten Teil meines Vermögens hatte meine Exfrau bekommen. Den Rest hatte ich bereits in die Immobilie im Osten versenkt.

Gesagt getan.

Zur Seitenübersicht

Vorbereitungen für meinen Umzug nach London: Job- und Wohnungssuche

Ich sprach mit dem Kunden in Deutschland, bei dem ich gerade ein Projekt machte und gab bekannt, dass ich meinen Halbjahresvertrag nicht verlängern würde.

Stattdessen begann ich per Internet, E-Mail und Telefon mit der Jobsuche in London. Und es war relativ leicht, über eine Agentur ein großes SAP-Projekt zu finden, bei dem ich in London, Frankfurt und Lissabon tätig sein würde. Mein laufender Vertrag lief in einem Monat aus, das neue Projekt würde in sechs Wochen beginnen. Dies gab mir zwei Wochen Zeit, um in London alles zu organisieren.

Ich war nun ziemlich aufgeregt. Es ging alles so schnell. In weniger als einem Monat würde ich einen Job in London haben und nicht mehr in Deutschland wohnen.

Am folgenden Wochenende flog ich nach London, um mich nach Wohnungen umzuschauen. Mein neues Projekt war direkt bei der Blackfriars Bridge, also ziemlich zentral.

Mit meinem kleinen Gehalt als zukünftiger Insolventer konnte ich mir natürlich keine großen Sprünge leisten. Und da der Standard in England schon ziemlich tief ist im Vergleich zu dem, was ich aus Deutschland gewöhnt war, machte ich mich auf alles gefasst. Die Zimmer und Studios, die ich mir dann so anschaute (alle rund £600 im Monat), waren dann auch alles andere als komfortabel. 

Zum Glück konnte mir die Steuerkanzlei St Matthew eine Möglichkeit vermitteln, mir eine Wohnung mit einem anderen Mandanten zu teilen. Das war eine möblierte Dreizimmer Wohnung, Neubau auf der Isle of Dogs in den Docklands. Es waren zur Arbeit rund 30 Minuten mit dem Dockland Light Railway. Das war doch ganz nach meinem Geschmack!

Die Wohnung, die ich dann in London gemietet habe (Isle of Dogs)

Zur Seitenübersicht

Mit 47 wieder in eine WG

Es ist schon seltsam, mit 47 wieder in eine WG zu ziehen, aber einen Tod muss man halt sterben. Es war dann letztendlich auch alles halb so schlimm. Da wir beide ziemlich viel weg waren, bekamen wir uns kaum zu Gesicht.

Mit dem Vermieter haben wir am gleichen Tag alles klar gemacht und unterschrieben. Da ich in England kein Credit Rating hatte, musste ich sechs Monate Miete im Voraus plus eine Monatsmiete Kaution bezahlen. Makler-Courtage gibt es in England für den Mieter nicht. Der Mietvertrag wurde auf ein Jahr geschlossen (Achtung: In England ist der Mieterschutz schlecht. Der Mietvertrag ist, wenn nicht explizit anders vereinbart, weder vom Mieter noch vom Vermieter vorzeitig kündbar).

Ich blieb noch bis Montag, um ein Konto zu eröffnen, auf das mein Gehalt einbezahlt werden würde.
Mit dem guten Gefühl, etwas erreicht zu haben, flog ich am Montagabend nach Deutschland zurück. Am Dienstag meldete ich mich bei der Gemeinde ab. Mein Vater sollte sich später darum kümmern, meine Wohnung in Deutschland auszuräumen und an den Vermieter zu übergeben.

Zur Seitenübersicht

Abschied aus Deutschland, Aufbruch nach London

Nun hatte ich also noch knapp zehn Tage Zeit, mich von allen zu verabschieden und zu packen. Meine engen Freunde und meine Familie wussten natürlich von meinem Vorhaben. Im Großen und Ganzen bewahrte ich aber Diskretion. Die Freunde, denen ich von meinen Plänen erzählte, reagierten eher mit Ablehnung und Unverständnis. Es war einfach schwer nachzuvollziehen von außen, das war mir klar. Aber da nur ich selbst in meinen Schuhen steckte und wusste, was ich wollte, ließ ich mich nicht verunsichern.

Diese Karte zeigt meinen täglichen Arbeitsweg von der Isle of Dogs nach Blackfriars:

Für meine Freunde und ihre ehrliche Anteilnahme an meinem Schicksal war ich dennoch dankbar und nahm mir fest vor, diese Kontakte auch weiterhin zu pflegen.

Es war ja ohnehin nicht so, dass ich aus der Welt sein würde: Mein Job trug mich mindestens für ein bis zwei Wochen pro Monat nach Deutschland und das ganz in die Nähe meines bisherigen Wohnortes. Kontakt zu Freunden und Familie war so auch in Zukunft gewährleistet!

Und so brach ich wenige Tage später nach London auf, hoffnungsvoll und voller Erwartungen auf einen Neuanfang und eine schuldenfreie Zukunft. Das war im Mai 2008.

Die ersten drei Monate vergingen wie im Flug. Der neue Job machte Spaß. Ich war ungefähr ein Drittel der Zeit in London und den Rest in Deutschland und ein bisschen Portugal.

Mit meinem Mitbewohner kam ich gut aus. Es fiel mir leichter, mich mit der Situation zu arrangieren, als ich dachte. Dies lag natürlich auch daran, dass ich in Deutschland und Portugal auf Spesenrechnung unterwegs war und dort in schönen Hotels leben und guten Restaurants essen konnte. Eingeschränkt fühlte ich mich daher kaum.

Die Mitarbeiter der Steuerkanzlei waren mir eine große Hilfe, mich in meiner neuen Heimat zurechtzufinden. Bankkonto, Internet, Fernsehen, Lohnabrechnung, Anmeldung zur Sozialversicherung, beim staatlichen Gesundheitssystem und Probleme mit dem Vermieter – dies alles wurde immer rasch und zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt. Klar, mein Englisch ist OK und ich hätte das alles auch alleine hinbekommen, aber so war es natürlich sehr viel einfacher.

Zur Seitenübersicht

Ich setze die Zahlungen an die Bank aus – Neue Verhandlungen

Im August 2008 kam schließlich der Tag der Wahrheit und damit begann eine wie ich fand sehr belastende Phase. Belastend vor allem deshalb, weil die Ungewissheit trotz aller Vorbereitungen groß ist und man dazu tendiert, sich selbst verrückt zu machen. Ich stoppte die Zahlungen an die Bank. Mein Sparkonto in Deutschland war leer. Mein Anwalt informierte das Institut über meine Zahlungsunfähigkeit. Gleichzeitig machten wir ein Angebot zu erneuten Verhandlungen mit dem Hintergrund, dass ich nun in England wohnte und mich hier jederzeit bankrott erklären könnte. Natürlich versteckte ich mich nicht und teilte der Bank im gleichen Schreiben meine neue englische Adresse mit.

Ich muss zugeben, dass ich noch immer voll der Hoffnung war, aus der Sache ohne Insolvenz rauszukommen. Zu meiner großen Enttäuschung und mit einer gewissen Verbitterung musste ich feststellen, dass diese Hoffnung leider illusorisch war. Die Bank bewegte sich keinen Zentimeter. Im Gegenteil – man holte zu immer neuen Drohungen aus.

In der Tat kamen schon bald die ersten unfreundlichen Briefe einer englischen Rechtsanwaltskanzlei in meiner englischen Wohnung an. Dieses Anwaltsbüro war von der Bank in Deutschland beauftragt worden. Es ging um nichts weiter als Säbelrasseln und Einschüchterung. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Nachdem sich die Experten der Kanzlei St Matthew darum gekümmert hatten, war erstmal Ruhe. Verfolgt fühlte ich mich trotzdem.

Zusammen mit meinem deutschen Anwalt versuchte ich rund drei Monate lang, mit der Bank eine Einigung zu erzielen, aber vergebens. Wir kamen auf keinen grünen Zweig.

Zur Seitenübersicht

Es bringt alles nichts. Abgabe des Insolvenzantrages beim High Court in London

Die Abgabe des Insolvenzantrages (oder korrekt: sich selbst bankrott erklären) und die anschließenden Gespräche mit dem Richter und dem Insolvenzverwalter sind sicherlich der Höhepunkt meines Abenteuers. Man muss auf alles gefasst sein und ich empfand diese Phase, trotz guter Vorbereitung, als sehr stressreich.


Und so kam das Unvermeidliche: An einem nebligen Dienstagmorgen im Oktober 2008 erklärte ich mich im High Court in London für bankrott. Zusammen mit St Matthew hatten wir diesen Termin genau vorbereitet: Ich war im Detail gebrieft worden und wusste ziemlich genau, was ich zu erwarten hatte. Der Antrag war komplett für mich ausgefüllt worden, und eine sachkundige Mitarbeiterin der Steuerkanzlei ging als Unterstützung mit zum High Court.

Nachdem ich den Antrag abgegeben, die entsprechende Gebühr bezahlt, die Hand gehoben und den Eid geleistet hatte, musste ich zunächst eine weitere Stunde warten. Dann wurde ich zum Insolvenzrichter bestellt – und der sprach perfekt Deutsch. Klingt wie ein Schock? Nein, dies überraschte mich nicht, denn ich war darauf vorbereitet worden. Offensichtlich ging es dem Richter darum, hier einen Insolvenzbetrüger zu enttarnen.

Deshalb fragte er mit scharfem Ton sehr direkte und detaillierte Fragen zu meiner Situation und meinen Lebensumständen. Auch hier galt: Ich war auf die meisten Fragen vorbereitet und blieb nach außen hin so cool wie möglich. Natürlich war meine Stimme leicht heiser und belegt. Natürlich bekam ich feuchte Hände und hatte Schweiß auf der Stirn. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ganz gut geantwortet zu haben. Die Befragung dauerte zehn Minuten und am Ende erklärte mich der Richter für bankrott, wenn auch ungehalten, fast widerwillig wie mir schien.

Als ich aus dem Gerichtsgebäude ins Freie trat, war ich erleichtert und atmete tief durch. Der erste Schritt war gemacht. An diesem Abend ging ich mit meinem Mitbewohner erst mal ins Pub und wir tranken mit Sicherheit einige Bier zu viel. But who cares!

Wie von meinem Berater bei der Steuerkanzlei St Matthew geraten, hatte ich bereits eingeplant, in den nächsten Wochen nicht zu verreisen. Ich musste den Insolvenzverwalter treffen. Dies hatte ich mit meinem Kunden entsprechend arrangiert und meine Präsenz in London sichergestellt. Natürlich bewahrte ich ansonsten Stillschweigen über die Situation.

Zur Seitenübersicht

Der Insolvenzverwalter (ein scharfer Hund) nimmt seine Arbeit auf und nennt mich erst mal einen Lügner

Nach acht Tagen kam die Einladung des Insolvenzverwalters per Post. Der Termin war auf nächste Woche eingeplant. Ich bereitete mich auf ein unangenehmes Treffen vor. Ich wusste, dass der Insolvenzverwalter sehr ins Detail gehen würde. Ich wurde aufgefordert, Kopien aller Kontoauszüge der letzten sechs Monate mitzubringen, inklusive meiner (leeren) deutschen Konten.

Obwohl ich gut vorbereitet war, sah ich diesem Termin noch aufgeregter als der eigentlichen Abgabe entgegen. Und das berechtigterweise, wie sich herausstellte: Der Insolvenzverwalter war ein scharfer Hund. Gott sei Dank begleitete mich wieder eine Dame der Steuerkanzlei St Matthew zu dem Termin und Gott sei Dank war ich vorbereitet worden. Wir gingen jeden Kontoauszug durch, Transaktion für Transaktion, und ich musste alles haarklein erklären. Es wurden viele Fragen zu meiner Situation gestellt, auch sehr intime: Meine Scheidung, ob ich eine Freundin habe, Details zu Freundschaften, wie ich meine Abende in London verbrachte.

Ich verstand den Hintergrund der Fragen: Natürlich ging es ihm wie dem Richter darum, einen potenziellen Insolvenzbetrüger zu enttarnen. Er wollte herausfinden, ob ich wirklich in London lebte. Immer wieder sagte der Insolvenzverwalter: „I think you are lying, that doesn’t make sense“ (Ich glaube Sie lügen, das macht doch alles keinen Sinn). Dies waren psychologische Tricks, um mich zu verunsichern, damit ich mich versprechen und mich verraten würde. Aber es gab nichts zu verheimlichen – ich wohnte ja wirklich in London. Ich blieb also ruhig, so gut es ging. Aber natürlich war ich in Wirklichkeit gestresst und hatte zum Teil ziemlich Herzklopfen.

Nachdem er mich drei Stunden gegrillt hatte, beendete der Insolvenzverwalter den Termin relativ abrupt. „Sie hören von uns“, verabschiedete er sich. Kein Handschlag, kein Lächeln.

An diesem Abend ging ich wieder mit meinem Mitbewohner ins Pub. Diesmal tranken wir noch mehr über den Durst. Aber ich wusste: Das Schlimmste war nun vorbei.

Ich blieb noch weitere drei Wochen in London. Es kam immer wieder Post vom Insolvenzverwalter. Ein Schreiben zum Beispiel, wo dieser unser Gespräch nochmals zusammenfasste und weitere Fragen stellte, die ich zu beantworten hatte. Diese besprach ich mit dem Experten der Kanzlei St Matthew und antwortete entsprechend und ebenso in Schriftform.

Gleichzeitig wusste ich, dass der Insolvenzverwalter meine Gläubiger (also die Bank) über meinen Status informieren würde. Er kontaktierte auch meinen englischen Vermieter, der vertrauensvoll mit der Steuerkanzlei St Matthew zusammenarbeitete und eingeweiht war, und stellte detaillierte Fragen über meine Aufenthalte in London in den letzten sechs Monaten.

Im weiteren Fortlauf des Verfahrens kontaktierte der Insolvenzverwalter meinen Vater, dem ja die englische Limited gehörte, bei der ich angestellt war. Man wolle prüfen, ob es sich um eine „echte“ Firma handle, mit echten Kunden, echter Lohnabrechnung usw. Mein Vater verwies den Insolvenzverwalter an die Steuerkanzlei St Matthew und ermächtigte diese, dem Insolvenzverwalter alle nötigen Auskünfte zu erteilen.

Zur Seitenübersicht

Besuch vom Insolvenzverwalter und ich bin in Deutschland

Sind die ersten Gespräche mit dem Insolvenzverwalter geführt, nehmen die Dinge ihren Lauf und es heißt abwarten. Man wird weiterhin vom Insolvenzverwalter kontaktiert und muss sich bereithalten. In welchem Umfang hängt von den persönlichen Umständen und der Komplexität Ihres individuellen Verfahrens ab.

Drei Wochen nach Abgabe des Antrages flog ich nach Deutschland, wo ich fast einen Monat verbringen wollte. Die Überraschung kam prompt einen Tag nach meiner Abreise: Am Abend klopfte der Insolvenzverwalter bei meiner Wohnung in London an. Mein Mitbewohner gab zu Protokoll, dass ich heute geschäftlich nach Deutschland gereist sei. Der Insolvenzverwalter bat daraufhin um meinen Rückruf und verschwand.

Ich war nervös und ärgerte mich, dass ich nicht länger in London geblieben war. Ich rechnete damit, dass ich zurück nach England musste und rief am nächsten Tag den Insolvenzverwalter an. Der war nun überraschenderweise recht locker und erklärte, dass die Sache nicht eilte und wir uns auch nach meiner Rückkehr sehen konnten. Wir vereinbarten,  dass ich mich per E-Mail melden sollte, wenn ich wieder im Lande war.

Zur Seitenübersicht

Die Sache scheint erledigt zu sein

Ich muss sagen, dass damit die ganze Sache in England eigentlich erledigt war. Ich zog nicht sofort zurück nach Deutschland, sondern hielt mein Arrangement mit meiner Londoner Wohnung weiter aufrecht. Dies wurde mir von meinen Beratern bei der Steuerkanzlei St Matthew empfohlen. Ein sofortiger Umzug nach Deutschland, gleich nach Abgabe des Antrages, könnte als Indiz für einen sogenannten Gestaltungsbetrug gewertet und gegen mich verwendet werden.

Den Insolvenzverwalter kontaktierte ich per E-Mail, als ich wieder in England war. Er antwortete mir jedoch, dass sich die Sache in der Zwischenzeit erledigt hatte. Er würde sich melden, sollte er noch weitere Informationen von mir benötigen.

Die nächsten Monate liefen ereignislos. Ich hatte beruflich viel zu tun. Dies half. An mein laufendes Verfahren musste ich selten denken. Vom Insolvenzverwalter hörte ich nie wieder.

Was die Bank betrifft, so hatten wir noch kurz Kontakt, als die Rechtsabteilung die Vollstreckung ankündigte. Diese erfolgte innerhalb eines Monats nach meiner Abgabe. Das Haus mit Grundstück wurden für EUR 250.000 versteigert – immerhin. Ob der Käufer wusste, auf was er sich einließ? Ich weiß es nicht. Ich habe nie mit ihm gesprochen.

Das Team der Steuerkanzlei hat sich während der ganzen Zeit um die Belange meiner bzw. der Firma meines Vaters gekündigt. Es ist natürlich wichtig, dass in so einer Insolvenzsituation nichts anbrennt und Buchhaltung, Umsatzsteuer und Lohnbuchhaltung sauber geregelt werden. Auf keinen Fall will man unnötig die Aufmerksamkeit des Finanzamtes auf sich ziehen – der Ärger hätte mir gerade noch gefehlt! Und mein Vater hatte in seinem Alter natürlich auch keine Lust mehr, sich da noch voll in das englische System einzuarbeiten.

Zur Seitenübersicht

Der erlösende Brief („Notification of Discharge“) kommt früher als erwartet

Wenn man endlich die Bestätigung in den Händen hält, dass alles vorbei ist, lässt sich die Erleichterung kaum in Worte fassen. In meinem Fall bekam ich sogar schon vor Abschluss der vollen 12 Monate die gute Nachricht. Endlich schuldenfrei!


Ich erwartete das Ende meiner Insolvenz für Oktober 2009. In der Tat bekam ich aber meine „Notification of Discharge“ bereits im August 2009 an meine Londoner Adresse zugestellt. Ich konnte es kaum glauben. Nach all der Zeit und all dem Aufwand war die Sache endlich durch. Ich was unendlich erleichtert und fühlte mich glücklich und befreit.

Nun fehlte nur noch, dass die Restschuldbefreiung auch in Deutschland anerkannt wurde. Damit beauftragte ich den Berliner Partneranwalt von St Matthew, der in dieser Sache schon lange mit der Steuerkanzlei zusammenarbeitete. Dies war im November 2009 endlich auch unter Dach und Fach und ich war damit offiziell schuldenfrei.

Was meinen Job betrifft, so hatte ich in London einen Halbjahresvertrag, der laufend um ein weiteres halbes Jahr verlängert wurde. Mein laufender Vertrag endete im Oktober und ich beschloss, diesen nicht nochmals zu verlängern und ganz zurück nach Deutschland zu ziehen. Auch wenn ich mit dem Gedanken gespielt hatte, weiter in London zu bleiben – ich wollte wieder nach Hause. Ich war einfach zu sehr Deutscher.

Zur Seitenübersicht

Ein neuer Anfang in Deutschland steht bevor

Als ich London Ende Oktober endgültig in Richtung Heimat verließ, ging ich mit gemischten Gefühlen. Ich fühlte mich als Fremder in dieser Stadt und freute mich auf meine vertraute Umgebung in Deutschland. Auf der anderen Seite blickte ich aber auch mit ein bisschen Wehmut und auf jeden Fall voll Dankbarkeit zurück. In Deutschland stand mir nun ein neuer Anfang bevor. Mit 49, aber schuldenfrei.

Häufige Fragen rund um die EU-Insolvenz (FAQs)

Wir haben über 100 der häufigsten Fragen und Antworten (FAQs) zum Thema EU-Insolvenz in unserer Wissensdatenbank für Sie zusammengestellt. Bitte klicken Sie hier, um zu unserer Knowledge Base zu gelangen. Finden Sie Ihre persönlichen Fragen dort nicht beantwortet, raten wir Ihnen zur Buchung eines kostenpflichtigen telefonischen Beratungsgesprächs.

Lassen Sie sich jetzt zur EU-Insolvenz in England und Irland beraten

Haben Sie sich bereits über einen längeren Zeitraum aktiv mit dem Thema EU-Insolvenz auseinandergesetzt? Können Sie sich einen Umzug nach England oder Irland im Grundsatz vorstellen? Erfüllen Sie die Voraussetzungen für die EU-Insolvenz? Sind Sie an einem Punkt angelangt, wo Sie mit Ihrer Internet-Recherche nicht mehr weiterkommen?

Wenn Sie diese Fragen mit „ja“ beantworten, ist es an der Zeit, über Ihr Vorhaben mit einem ausgewiesenen Experten zur EU-Insolvenz zu sprechen.

Im Rahmen eines gut vorbereiteten, einstündigen Beratungsgesprächs können wir gemeinsam viel erreichen: Sie erhalten das Feedback, das Sie benötigen, um eine endgültige Entscheidung im Hinblick auf ein EU-Insolvenz-Verfahren zu treffen. Sie lernen, wo Sie bei Ihren Vorbereitungen noch nachbessern müssen und was kritische Punkte für den Erfolg einer möglichen EU-Insolvenz in England und Irland sind.

Sie profitieren vom „Boot on the Ground“-Praxiswissen aus über 100 erfolgreichen Verfahren und mehr als 10 Jahren konkreter Beratungserfahrung mit der EU-Insolvenz. Ziel der Beratung ist Ihre Planungssicherheit, Gelassenheit und Selbstvertrauen in eine Zukunft ohne Schulden.

Die EU-Insolvenz ist die ultimative Lösung für einen finanziellen Neuanfang, auch und vor allem mit hohen Schulden. Mit einem Beratungsgespräch machen Sie den ersten konkreten Schritt auf Ihrem Weg in eine schuldenfreie Zukunft.

Zur Seitenübersicht