Brexit und die Konsequenzen für UK-Unternehmen

Wie sich Betriebe in Großbritannien auf den Brexit vorbereiten können

Diese Seite ist Teil unserer Serie zu Brexit, dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union

Wenn wir an dieser Stelle von UK-Unternehmen sprechen, so meinen wir damit nicht Kapitalgesellschaften britischer Rechtsform, sondern tatsächliche Betriebe, die sich im UK befinden und wirtschaftliche Beziehungen in anderen EU-Staaten unterhalten. Und wir beziehen uns im Wesentlichen auf kleine und mittlere Unternehmen im UK und nicht multinationale Konzerne.

Für Unternehmen, die vom UK aus operieren, ist Brexit eine Chance und zugleich ein Risiko. Die größten Auswirkungen dürfte Brexit dabei auf britische Firmen haben, die Waren und Dienstleistungen in anderen EU-Ländern vertreiben. Schaut man sich die nackten Zahlen an, ist nur eine Minderheit aller UK-Betriebe auf dem europäischen Binnenmarkt aktiv. Von 5,4 Millionen Unternehmen im UK exportieren „nur" rund 300.000 oder 6% in die Europäische Union.

Jedoch sind auch Unternehmen, die nur Waren in der EU einkaufen von Brexit betroffen: Ein Lebensmittelhersteller im UK kann heute seine Zutaten in allen EU-Ländern einkaufen – im Wissen, dass auch eine polnische Karotte mit den britischen Lebensmittelregularien konform ist. Aber wie wird sich dies in Zukunft gestalten?

Selbst Unternehmen, die gar keinen Handel mit der EU treiben, werden Brexit „zu spüren" bekommen. Wenn man als Hotel in London plötzlich keine Polen und Bulgaren mehr anstellen kann – wer soll dann die Betten machen? Ist der Plan, an den Patriotismus von Langzeitarbeitslosen zu appellieren und diese dazu zu motivieren, jetzt für die abreisenden Polen einzuspringen?

Im Folgenden haben wir eine Liste von wichtigen positiven und negativen Konsequenzen von Brexit auf UK-Unternehmen zusammengestellt.

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Freiheit, die ich meine: Wie sich ein unabhängiges UK als Unternehmensstandort attraktiv machen kann

Viele Briten, vor allem Brexit-Befürworter, haben den Wunsch, dass ein „unabhängiges" UK die Brexit-Chance bei den Hörnern packt und endlich Schluss macht mit all den „Auflagen", an denen man sich als EU-Mitglied immer gestört hat. Das UK, befreit von seinen EU-Fesseln sozusagen, kann sich endlich frei entfalten. Klingt stark nach einer Ehefrau, die nach 20 Jahren Ehe die Scheidung einreicht, um sich endlich selbst zu verwirklichen.

Konkret geht es um Dinge wie Hygienevorschriften für Restaurants, strikte Vorgaben an die Bauindustrie hinsichtlich Sicherheit und Umweltfreundlichkeit, Abgasnormen, Eigenkapitalvorschriften an Finanzinstitute, Mitarbeiterschutz, Lebensmittelnormen, Vorgaben zu erneuerbaren Energieformen, Datenschutzvorschriften, Schutz vor Diskriminierung und vieles mehr.

Brexit-Befürworter werben damit, dass die 100 teuersten EU-Bestimmungen britische Bürger über 30 Milliarden Pfund im Jahr kosten.

Es ist kaum davon auszugehen, dass die hier genannten Regelungen ersatzlos vom UK-Gesetzgeber gestrichen werden. Und es ist objektiv so, dass etliche EU-weite gesetzliche Vorgaben vom Verbraucher geschätzt werden. Daher scheint Brexit als „Befreiungsschlag" eher ein emotionaler und symbolischer Akt zu sein. Ob sich die gewünschten positiven Effekte für Unternehmen tatsächlich realisieren lassen, ist mehr als fraglich. Und selbst wenn, werden sie kaum so dramatisch sein wie erhofft.

Freilich bietet sich mit Brexit die Chance, tatsächlich im großen Stil zu deregulieren, Steuersätze zu senken und mitten in Europa in einem wichtigen Land und einer mächtigen Volkswirtschaft ein für Unternehmen einmaliges Umfeld zu schaffen. Ein Land, dass sich philosophisch eher den USA nähert (mehr liberaler Kapitalismus, Hire-and-Fire-Mentalität), als sich auf seine europäischen Wurzeln zu besinnen.

Völlig unabhängig davon, ob dies wünschenswert ist oder nicht, scheint es völlig abwegig zu sein, dass britische Politiker, die wie alle Politiker machtversessen sind, tatsächlich „Big Government" aktiv abbauen werden.

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Mehr Arbeitgeberfreundlichkeit

Viele Unternehmer im UK erhoffen sich, dass Grossbritannien wieder arbeitgeberfreundlicher wird. So wurde der Schutz von britischen Mitarbeitern in den letzten Jahren auf Druck der EU stark ausgeweitet. Als Beispiele sind die EU-Richtlinien für Zeitarbeitsmitarbeiter und zur Arbeitszeitregulierung zu nennen.

Traditionell genießen Arbeitnehmer im UK weniger Schutz als in anderen EU-Ländern. Dies fängt schon beim Kündigungsschutz an, der bis vor ein paar Jahren nur sehr eingeschränkt vorhanden war. Auch beim Mutterschutz bzw. Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub wurde in den letzten Jahren stark nachgebessert. Diese Maßnahmen sind bei Arbeitnehmern enorm populär. Es ist daher fraglich, ob diese einfach zurückgefahren werden können.

Ein Grund, warum die konservativen Tories in den letzten Jahren so stark an Beliebtheit im UK zugenommen haben, ist ihre Abkehr von traditionell konservativer Politik. Das hat man sich bei der CDU von Angela Merkel abgeschaut. Deswegen ist Labour in UK genauso in der Wählergunst abgesackt wie die SPD in Deutschland.

Es ist kaum vorstellbar, dass nun die Tories eine Rolle rückwärts machen und somit einen wichtigen Teil ihrer Wählerschaft einbüßen werden.

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Wegfall von EU-Förderungen

Von 2007-2013 wurden alleine in den wirtschaftlich schwächeren Regionen im Norden Englands über 20.000 Projekte von der EU gefördert. Die Universität von Sheffield geht davon aus, dass dadurch 70.000 Jobs geschaffen wurden und weitere 80.000 in Wales und Schottland.

Man mag gegen Subventionen sein (und es gibt gute Gründe dafür). Es erscheint allerdings offensichtlich, dass gerade die ärmeren Regionen von einem Wegfall von EU-Förderungen besonders hart getroffen werden würden.

Es ist außerdem völlig fraglich, ob die EU die bereits gewährten Mittel nach Brexit zurückfordern wird oder ob hierfür der britische Steuerzahler einspringen muss. Allerdings muss erwähnt werden, dass das UK weit weniger Subventionen empfangen hat als viele andere EU-Länder.

So mag es nicht verwundern, dass das UK im Jahre 2016 13,1 Milliarden Pfund an die EU bezahlt hat, aber nur 4,5 Milliarden an Förderungen mach Großbritannien zurückflossen.

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Umsatzeinbußen auf bestehenden EU-Märkten

Wenn Großbritannien nicht mehr Teil der EU ist und es daher für Kunden aus der EU schwieriger oder komplizierter werden kann, britische Produkte zu kaufen, ist davon auszugehen, dass es wenigstens vereinzelt zu Umsatzeinbußen britischer Unternehmen kommen wird.

Man stelle sich nur vor, dass plötzlich deutsche Versicherungsnehmer auf eine britische Versicherungspolice die Versicherungssteuer selbst beim Finanzamt abführen müssen. Oder das ein deutscher Fahrradhändler plötzlich Zoll auf Fahrräder bezahlen muss, die er im UK einkauft. Es mag ja Sinn machen, auf sehr günstige Ware aus China ein bisschen mehr Aufwand bei der Einfuhr zu machen – das rechnet sich immerhin. Nicht so bei britischen Produkten.

Aber Hand aufs Herz: EU-Unternehmen treiben heute auch Handel mit Nicht-EU Ländern, wie z.B. den USA, Japan oder Korea. Lösungen sind möglich und werden sich einstellen. Wenn nötig, kann ein britisches Unternehmen auch eine Tochter in der EU gründen und das Problem ist vom Tisch.

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Schwaches Pfund: Segen und Fluch zugleich

Als einen der großen Vorteile von Brexit sehen viele UK-Unternehmer das schwache Pfund. Britische Waren und Dienstleistungen werden im Ausland günstiger und so attraktiver. Viele Briten bleiben im Urlaub zu Hause und fliegen nicht nach Spanien. Mehr Touristen kommen nach London, weil die Hotels plötzlich 30% günstiger sind. Investoren kaufen britische Immobilien, weil diese mittlerweile als Schnäppchen gelten. Und die Chinesen kaufen britische Unternehmen en masse.

Doch wo viel Licht ist, gibt es auch viel Schatten: UK-Unternehmen, die im EU-Ausland Rohstoffe, Materialien und Zutaten einkaufen, haben plötzlich mit höheren Kosten zu kämpfen. Und wer vor dem Pfund-Crash im UK investiert hat, muss nun einen hohen Wertverlust seiner Anlage hinnehmen.

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Pfund entwickelt. Denkbar ist freilich auch, dass es in ein paar Jahren zur Fluchtwährung wird – ähnlich dem Schweizer Franken. Hier gilt es insbesondere auch die weitere Entwicklung des Euros zu beobachten.

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Mehr Bürokratie durch den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt

Während wir weiter oben davon gesprochen haben, dass sich viele britische Unternehmer einen Abbau der Bürokratie wünschen, kann Brexit freilich auch die gegenteilige Folge haben.

Momentan kann ein britischer Hersteller von Lebensmitteln seine Zutaten in 27 anderen EU-Staaten einkaufen – ohne dadurch Komplikationen irgendeiner Art befürchten zu müssen. Der EU-Binnenmarkt ist bekanntlich harmonisiert.

Man darf diesen Aspekt nicht unterschätzen. Es ist heute gang und gäbe, dass Warenlieferketten komplex sind und bei Lieferanten in vielen verschiedenen Ländern eingekauft wird.

Wenn nun das UK aus der EU ausscheidet, würden für alle EU-Länder die gleichen Auflagen gelten, die heute auch bei Drittstaaten angewandt werden. Diese sind, gerade bei Lebensmitteln, erheblich.

Für andere Branchen gilt ähnliches – gerade solche, die stark reguliert sind wie Lebensmittel, Finanzdienstleistungen und das Gesundheitswesen. Wie hier britische Unternehmen reagieren werden, die auf Lieferanten im EU-Ausland angewiesen sind, bleibt abzuwarten.

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Fachkräftemangel – oder auch nicht

Die viel gescholtenen Polen verlassen Großbritannien in Scharen und schon beklagen viele Unternehmen einen akuten Personalmangel. Alleine im Hotel- und Gaststättensektor fehlen 60.000 Arbeitskräfte. Pläne, britische Langzeitarbeitslose zu mobilisieren, zeigen wenig Erfolg (man fragt sich ernsthaft, wer davon überrascht ist).

Nun ja, man würde Reinigungskräfte nicht per se als Fachkräfte bezeichnen. Allerdings verdeutlicht dieses Bild die allgemeine Situation auf dem britischen Arbeitsmarkt, der, ähnlich wie in Deutschland, momentan mit Personalmangel zu kämpfen hat.

Im Fachkräftebereich ist dieses Problem noch viel stärker zu beobachten. Es fehlt an IT-Kräften, Ingenieuren und Mechanikern. Wie diese Stellen gefüllt werden sollen, wenn der UK aus der EU austritt, bleibt ungeklärt.

Die britische Regierung plant allerdings, die Einreisebestimmungen gerade für Inder und andere Asiaten mit begehrten Qualifikationen erheblich zu erleichtern. Diese Regelungen können sich auch Spezialisten aus der EU zunutze machen. Großbritannien soll weiter ein Einwanderungsland sein, sagt man in Downing Street. Allerdings möchte man die „richtigen" Immigranten anwerben.

In der Realität wird sich zeigen, dass die EU-Personenfreizügigkeit ganz gut funktioniert hat und mit ein paar Anpassungen noch besser funktioniert hätte.

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Zölle: Eine Zeitreise in die Vergangenheit der Kleinstaaterei

Innerhalb der EU gilt freier Verkehrshandel. Gilt Großbritannien als Drittstaat müssen Zölle auf Waren gezahlt werden, zollrechtliche Deklarations- und Anmeldepflichten müssen beachtet werden.

Geschäftemachen wie zu Kaisers Zeiten. Eine Reise zurück in Kleinstaaterei und Protektionismus. Freilich – britische Unternehmen treiben heute auch Handel mit den USA und verkaufen ihre Produkte über den großen Teich. Allerdings gibt es in den USA kaum Zölle (bisher wenigstens nicht) und wenn ja sind diese sehr niedrig.

Andere Länder wie Australien und Neuseeland sind als Handelspartner – momentan wenigstens – für den UK nicht so wichtig.

Zwar können mit allen Ländern Freihandelsabkommen geschlossen werden (und das plant das UK auch), allerdings werden Jahre vergehen, bis diese ausgehandelt sind.

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Umsatzsteuer: Was passiert mit der VAT?

Mit Brexit hat Großbritannien Vorgaben des EU-Rechts hinsichtlich Leistungsortbestimmung, Steuersatzhöhe, Ausübung von Wahlrechten und ähnlichem nicht mehr zu beachten. Das UK könnte theoretisch die Mehrwertsteuer ganz abschaffen.

Auch wäre Großbritannien nicht mehr an die Rechtsprechung des EuGHs bei der Rechtsauslegung gebunden.

Daneben wären auch die Folgen für den grenzüberschreitenden Handel neu zu bewerten. Dies gilt insbesondere beim Versandhandel oder bei Reihengeschäften, aber auch hinsichtlich der Nachweiserbringung bei grenzüberschreitenden Lieferungen.

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Das Schlimmste ist die Ungewissheit

Das größte Problem an Brexit ist die Unsicherheit. Unternehmer und Investoren können Unsicherheit nicht leiden. Auch wenn alle Seiten am Ende auf eine vernünftige Lösung hoffen, können bis dahin noch Jahre vergehen. Was passiert in dieser Zeit?

Zwar ist davon auszugehen, dass bis zu einem tatsächlichen Austritt aus der EU „Business as usual" gilt. Allerdings ist die Umstellung von Produktionsketten, Lieferketten und Dienstleistungsangeboten ein komplexer Vorgang, der auf Seiten der Unternehmen Jahre in Anspruch nehmen kann. Da kann man nicht von einem Tag auf den anderen den Hebel umlegen.

Viele britische Unternehmen, vor allem die größeren, wollen nicht warten, bis ihre Politiker in Gang kommen. Man hat kein Vertrauen in die Politik. Wer kann, setzt deswegen schon heute eine Tochtergesellschaft oder Niederlassung in einem EU-Land auf (z.B. Irland und Malta) und richtet das Unternehmen so aus, dass zukünftige EU-Geschäfte über diese neue Gesellschaft abgewickelt werden.

Freilich ist dieser Schritt nicht für alle betroffenen Unternehmen machbar oder sinnvoll. Wieder andere Unternehmer haben volle Zuversicht in Brexit und sind durch und durch optimistisch.

Am Ende muss daher jedes Unternehmen selbst unterscheiden, wie es mit der Unsicherheit, die sich aus Brexit ergibt, umgeht. Eines ist klar – abzuwarten und die Herausforderungen der Zukunft zu ignorieren, ist keine Option. Eine bewusste Entscheidung für eine gut überlegte Strategie ist gefragt und muss dann auch so getragen werden.

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Häufige Fragen rund um den Brexit (FAQs)

Wir haben über 100 der häufigsten Fragen und Antworten (FAQs) zum Thema Brexit in unserer Wissensdatenbank für Sie zusammengestellt. Bitte klicken Sie hier, um zu unserer Knowledge Base zu gelangen. Finden Sie Ihre persönlichen Fragen dort nicht beantwortet, raten wir Ihnen zur Buchung eines kostenpflichtigen telefonischen Beratungsgesprächs.

Beratungsgespräch zum Brexit und den Folgen für Sie (und/oder Ihr Unternehmen)

Wenn auch Sie als Nicht-Brite sich mit Strategien und Lösungsansätzen zu Ihrer Zukunft in Großbritannien beschäftigen, werden Sie sich vermutlich schon intensiv gedanklich mit dem Thema Brexit auseinandergesetzt haben.

Dabei ist es normal, dass man irgendwann an einen Punkt gelangt, ab dem die Verwirrung zu- und die Klarheit abnimmt. Es sind einfach zu viele Gesichtspunkte gleichzeitig zu berücksichtigen. Die Ausgangslage ist komplex.

Um den geistigen Knoten zu lösen und den Weg für weiterführende Gedanken frei zu machen, bieten wir Ihnen jetzt ein einstündiges telefonisches Beratungsgespräch zum Thema Brexit und den Konsequenzen für Sie und/oder Ihr Unternehmen an.

Im Rahmen dieses Gespräches können wir über konkrete technische Fragen sprechen (z.B. steuerliche Aspekte, Sitzverlegung Ihrer UK-Gesellschaft nach Irland), oder einfach nur diverse strategische Optionen, die Sie in Erwägung ziehen, diskutieren. Sie bestimmen den Inhalt des Gespräches und geben das Tempo vor.

Auf dieser Seite erfahren Sie mehr zu unserem Brexit-Beratungsangebot.

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